Cameron Highland

Am nächsten Morgen wachte ich in meiner Dunkelkammer auf. Ich hatte keinen blassen Schimmer wie spät es war, hatte mein Zimmer keine Fenster, die Tageslicht spendeten. Es kam mir vor als hätte ich eine Ewigkeit geschlafen, dabei war es erst kurz vor acht Uhr morgens.

Da ich erst gegen Mittag abgeholt werden sollte, konnte ich noch gemütlich durch einige Straßen laufen doch endete ich wieder im Café Trittin, dort wo ich auch schon am Abend zuvor gegessen hatte, es war dort einfach ziemlich nett und irgendwie nicht ganz so asiatisch wie die anderen Essensmöglichkeiten. Naja, Alternativen gab es auch nicht wirklich, da eigentlich alles geschlossen hatte, die Stadt schien mir schon ein wenig schläfrig. So gab es dann auch am Morgen wieder so ein indisches Brot mit drei verschiedenen Curry Dips. Obst hatten die natürlich auch nicht, aber der indische Kaffee war echt lecker. Ich las noch ein bisschen in meinem brandneuen Lonely Planet über die Politik und Wirtschaft in Malaysien und lernte über die Kolonialzeit und Antikorruptionsbewegungen im Lande. Außerdem stand dort drinnen, dass man als Frau den männlichen Herrschaften wohl nicht die Hand schütteln dürfte, was ich am Vortag allerdings bei dem Buchladenverkäufer getan hatte. Ebenfalls etwas ungewöhnlich fand ich die Tatsache, dass man nicht mit dem Zeigefinger auf etwas zeigen darf, sondern das nur mit dem Daumen tuen sollte.

In der Unterkunft stellte sich dann heraus, dass mein Zimmer doch noch um einiges günstiger gewesen war, was ich natürlich sichtlich begrüßte. Auf den Treppen wartete ich schließlich 45 Minuten darauf abgeholt zu werden. Mir war ja schon bewusst, dass hier alles ein wenig länger dauerte und deswegen versuchte ich meine Sorgen zu unterdrücken, dass ich vielleicht vergessen wurde. Diese Unruhe zahlte sich dann aus, als der Minivan vorfuhr und der Fahrer mich bat auf dem Beifahrersitz zu sitzen, hatte er die anderen Reisenden nämlich bereits alle eingeladen. So kam ich dann zu dem Luxussitz mit tollem Ausblick.

Dann ging es auf der Autobahn Richtung Süden. Ich freute mich enorm über diese schnelle Fortbewegungsmöglichkeit und unser Fahrer hatte es die ganze Zeit auch ziemlich eilig. Als ich das Nummernschild eines Oldenburgers sah, der mit seiner Frau und seinem Wohnwagen an uns vorbeifuhr, konnte ich es erst gar nicht glauben. Ob er den ganzen Weg hierher gefahren war oder es sich hatte hertransportieren lassen?

Aus dem Radio unseres Toyotas dröhnten asiatische Klänge und wir passierten den ersten Volkswagen und Dr.Öetker Shop, die ich bisher in Asien gesehen hatten und hielten schließlich zum Mittagessen an einer Autobahnraststätte zwischen Palmen. Es war absolut sauber und schön dort. Die kleinen Backstein Häuschen mit roten Ziegeldächern wurden von grünen Sträuchern umwachsen und es standen überall Blumenkübel. Ich folgte dem Schild Richtung des Essenshäuschens und freute mich über ein eigenes Häuschen in dem es ganz viele verschiedene Obstsorten zur Auswahl gab. Ich fragte ein Mädchen mit Kopftuch wo sie denn ihren Kaffee herhatte und zeigte intuitiv mit meinem Zeigefinger Richtung der zentralen Essensausgabe, versuchte das dann allerdings zu kaschieren und zeigte nochmals mit meinem Daumen. Ich glaube sie war etwas verwirrt, sprach sie auch kein Englisch. Sie kam mit mir mit und zeigte es mir dann, es war also nochmal gutgegangen. Von meinem Platz aus konnte ich dann ein Gebetshäuschen entdecken, dass von außen eher so aussah wie ein Toilettenhäuschen. Um mich herum saßen auch nur Muslime und Frauen mit Kopftüchern, es sei denn jemand war indischer Abstammung, dann trugen die Damen bunte lange Kleider und hatten diesen Punkt auf der Stirn. Ich fühlte mich ziemlich normal angezogen mit Hose und Sweatshirt, wusste allerdings nicht wirklich, was die Herrschaften über meine langen blonden offenen Haare dachten.

Die Fahrt ging im raschen Tempo weiter. Wir passierten Vogelscheuchen, die die Fahrer aufschrecken lassen sollten, wenn es eine Baustelle oder ähnliches gab. Ich bemerkte ebenfalls Polizeiautos auf der Autobahn, das war mir in den anderen Ländern auch noch gar nicht zu Augen gekommen. Werbung gab es rund um die Autobahn auch enorm viel, sogar mit Schildern über der Straße wurde für den Kamerahersteller Fuji oder irgendwelche Studiengänge an Universitäten geworben. Dies lies mich daran erinnern wie eine Norwegerin mir mal berichtete, dass die in Norwegen gar nicht erlaubt ist, da die Fahrer dadurch zu sehr abgelenkt werden.

Im Hochland hatten es die Kurven dann echt in sich und ich konnte nur hoffen, dass die Reifen unseres Toyotas sich im neuen Zustand befanden, da sie wirklich ziemlich beansprucht wurden. Die Tatsache, dass ich am Straßenrand einen kaputten Reifen entdeckte, versuchte ich zu ignorieren. Irgendwann kamen wir dann in einem ersten Touristen Dörfchen im Hochland an. Ich war erstaunt, dass die Hauptattraktion hier die Erdbeer- und Bienenhöfe waren. Es gab sogar zahlreiche Stände, wo man Plüscherdbeeren und T -Shirts mit Erdbeeraufdruck kaufen konnte. Ja, bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich sonst wirklich noch nirgends in Asien Erdbeeren entdeckt und hier im Hochland war das Klima einfach ein wenig gemäßigter wie ich feststellte, als wir schließlich in Tanah Rata ankamen.

Die Firma des Busfahrers empfahl uns eine Unterkunft namens Daniel’ s Lodge, die witzigerweise auch im Lonely Planet als beste Wahl ausgewiesen wurde. Dort begrüßte mich eine nette indische Frau mit roten Punkt auf der Stirn. Sie mag so um die Ende dreißig gewesen sein und war dem Anschein nach für einige Managementaufgaben zuständig. Ich trug mich und meine Reisepassnummer artig in das Check-In Papier ein und bezahlte mein Einzelzimmer für eine Nacht, dass mit 6€ mal wieder schön günstig war, aber das liegt wohl im Auge des Betrachters. Nicht so nett fand ich allerdings, dass sie mir dann auch gleich irgendwelche Ausflüge andrehen wollte. Hallo ich habe da vielleicht noch etwas Gepäck, das ich gerne abstellen möchte!

Der Tag war noch jung und so machte ich mich zu Fuß auf Erkundungstour dieses kleinen Bergdörfchens. Es war ein kleiner Ort, durch welchen eine Hauptstraße führte, an welcher sich Souvenirläden, kleine Supermärkte, einige Bankfilialen und mindestens zehn Restaurants bzw. Essensplätze anreihten. Diese Läden waren alle direkt nebeneinander und man lief unter Häusern entlang, es war quasi eine Art Bürgersteigtunnel und man musste manchmal zwei Stufen nehmen, wenn die Häuser nicht direkt nebeneinander gebaut wurden. Es gab auch hier wieder viele Inder, wohl mehr als die Hälfte. Auf einem Markt, wo Gemüse und vieles andere verkauft wurde, sah ich Damen mit Kopftüchern. Im Park auf der anderen Seite der Hauptstraße spielten ein paar wenige Kinder an Spielgeräten. Eine Frau, die ganz bedeckt war, hatte mit ihrem Mann und Kind wohl auch einen Wochenendausflug hierher gemacht. Die Blumen und Büscher in diesem Park sahen natürlich wieder ganz besonders aus, befand sich Tanah Rata ja in den Tropen. Palmen sah ich allerdings nicht, so kann man vielleicht nachempfinden, dass es im Hochland schon etwas kühler war.

Bei der Dorferkundung am Vortag hatte ich die Suche nach einem guten Ausflug gleich mitgemacht. Es gab bestimmt so um die zehn verschiedene Läden, die mit „Tourist Information“ oder „Travel Agent“ um sich warben. Ich fragte nach den Preisen und entschied mich für die günstigste Tagesausflugsoption. So fand ich mich nun also um viertel vor neun morgens bei dem netten Reisejungen ein, der mein Geld bekommen hatte. Er verwies mich auf den Starbucks nebenan, dass ich doch bitte dort warten sollte. Dass es in diesem Bergdörfchen einen Starbucks gab, fand ich auch ziemlich komisch, aber in Malaysien war es eben alles anders, die Leute fuhren Autos anstatt Motorroller und hatten Geld, ihr Lebensstandard war definitv höher als derer in Kambodscha, wenn man die äußeren Indikatoren betrachtet. Eine Debatte, wo die Menschen denn nun glücklicher wirkten, würde unzureichend sein, aber ich glaube die Menschen in den ärmeren Ländern leben unbeschwerter und einfach in den Tag hinein. Zeit spielt keine Rolle. Die Arbeitsmoral des Westens lässt sich nicht in ihrer wiederfinden. Die Leute leben einfach. Was braucht man denn sonst großartig außer einem Dach über dem Kopf, Familie, Essen und einem Roller? Naja, wie dem auch sei, das könnte man alles noch besser ausführen, aber ich wollte jetzt ja von meinem Tagesausflug erzählen.

Ein Gelände-Landrover fuhr vor und ein großer Inder, der so um die Mitte dreißig war, sammelte mich ein. Er hieß Appu und war Malaysier, seine Großeltern stammten aus Indien. Zu meiner Freude verwies er mich auf seinen Beifahrersitz. Die Beifahrersitze mochten mich wohl zurzeit. Im hinteren Teil saßen noch ein Saudiaraber, ein Informatikstudent aus Frankreich, ein älteres französisches Ehepaar und zwei junge Männer aus Belgien, die glaub ich in einer Beziehung waren. Appu erklärte uns das Programm für den Tag und es stellte sich heraus, dass alle anderen lediglich eine Halbtagestour machten und dass ich am Nachmittag eine Einzelführung mit Appu bekommen würde. Zunächst ging es dann hoch auf den höchsten nahegelegenen Berg. Schnell verstand ich, warum wir mit einem Geländewagen unterwegs waren. An einer Tee Plantage machte er halt und erklärte uns die Geschichte des Tees, dass er seinen Uhrsprung in China hatte. Dort waren den Menschen früher durch Zufall Blätter in ihr Wasser gefallen, das sie dann tranken und dessen Geschmack sie mochten. Dann versuchten sie dies selber zu machen, aber sie stellten fest, dass die Blätter erst etwas verarbeitet werden müssten und so weiter. Die Landschaft sah absolut malerisch aus, konnte man weit in die Entfernung blicken, dort wo das Hochland blau schimmerte. Die anderen hätten es sicherlich begrüßt eine französische Führung zu bekommen, besonders das französische Ehepaar sprach eigentlich kein Englisch und antwortete immer in ihrer Sprache, überraschenderweise konnte ich mich dann doch noch in Französisch verständigen. Der Araber war etwas merkwürdig, faselte er doch immer etwas von „Come with me.“, wobei er mir so ein komisches Grinsen gab. Oben auf dem Berg war die Aussicht dann allerdings noch bezaubernder. Man konnte nun wirklich alles sehen. Dort gab es neben einem Telefonmast auch einen Aussichtsturm, den wir vorsichtig hinauf stiegen.

Im Anschluss führte er uns noch in den sogenannten „Mossy Forest“, dem moosigen Wald, der sich auf den Weg hinunter befand. Dieser Wald war aufgrund des nassen, etwas kälteren Klimas überall von Moos übersäht. Wir kletterten über die Baumwurzeln ein wenig in den Wals hinein, der sich am Abhang des Berges befand und es war sehr matschig. Appu gestand uns, dass er alles mochte was mit Schokolade zu tun hatte, also auch unsere „Schokoladenschuhe“. Er zeigte uns, wie alt das Moos sei, indem er auf einmal hoch in die Luft sprang. Bei der Ladung federte der Boden unter unseren Füßen. Er zeigte hoch zu den Ästen in einen großen Baum und dort war auch unglaublich viel Moos zu sehen. Schließlich zeigte er uns noch fleischfressende Pflanzen und sonstiges Gewächs, es war sehr interessant. Die Erdbeerfarm, die wir im Anschluss besichtigten, fand ich eher mittelspannend, kannte man Erdbeeren und Erdbeerpflanzen ja aus Deutschland. Auch von der Schmetterlingsfarm nahm ich nur wenig mit, außer der Tatsache, dass es eine traurige Tatsache war, dass diese Tiere in Käfigen gefangen gehalten werden.

Appu lies mich zu Mittag schließlich an einem chinesischen Straßenrestaurant raus, während er den Rest der Truppe wieder zurück nach Tanah Rata brachte. Ich bat den jungen, chinesischen Kellner mir etwas Gutes zu empfehlen und so bekam ich irgendwelche Nudeln mit Gemüse serviert, die sehr lecker waren. Obwohl ich mal wieder auf Plastikstühlen aß, waren es Plastikstühle mit Lehnen und es gab Internet, also ein perfektes Mittagsessen.

Nach vierzig Minuten ging die Tour dann weiter in Richtung des sogenannten „Time Tunnels“, einem Museum über die Geschichte des Hochlands von Cameron und Malaysien allgemein. Ich war fasziniert, war es doch wirklich interessant dort drinnen im gedimmten Licht mit den unzähligen Gegenständen aus der Vergangenheit. Besonders die ganzen Gegenstände aus der Zeit seit 1950 fand ich toll, man sah den britischen Einfluss. So fotografierte ich Gameboys und Kinderspielzeug, Schallplatten und Werbeplakate, Sessel und Geschirr.

Während der Fahrt hinauf zu einem Hindu Tempel erfuhr ich dann von Appu, dass seine Mutter mit nur 50 Jahren vor einigen Monaten durch einen plötzlichen Herzinfarkt verstorben war und dass er nun ein Jahr nicht reisen gehen könne, weil das wohl so eine Regel in der indischen Kultur sei. Touristenführer sei er nur aus Hobby, hatte er zuvor Informatik studiert und in Kuala Lumpur gearbeitet. Da das Hochland von Cameron aber seine Heimat war, versuchte er als Freelancer den Touristen durch seine Touren ein wenig von der Schönheit zu zeigen und zu erklären.