Turtle Island

Um fünf Uhr in der Früh klingelte für Nariman und mich schließlich der Wecker. Wir stiefelten zu dem Büro von der Busfirma, die uns nach Koh Tao bringen sollte. Dort erwartete uns schließlich ein bunter Doppeldeckerbus. Wir bekamen Sticker mit Nummern auf unsere Brust geklebt, die uns unseren Sitzplatz zuwiesen. Nariman versuchte seine Lüftung zu schließen, die dann aber irgendwie kaputt ging und so durften wir uns auf die vorderen Plätze im Bus setzen, im zweiten Stock. Die Aussicht und der Platz dort war der Beste schlechthin. So vergingen die Stunden auch im Flug. Ich konnte mein Buch zu Ende lesen und immer wieder in kleine Nickerchen fallen. Schließlich kamen wir am Fähranleger an. Die Bootsfahrt mit dem Katamaran zu der Insel dauerte dann ungefähr 1.5 Stunden.

Die Insel war ein Traum. Ich war mir zuvor ja unschlüssig gewesen, ob ich überhaupt nach Südthailand reisen sollte, da ich die ganzen  Touristenorte eigentlich zu meiden versuchte, aber Koh Tao übertraf absolut meine Erwartungen. Die kleine Insel im Golf von Thailand hat nur eine befestigte Straße von Nord nach Süd. Die Schiffe und Fähren kommen im Hafen Mae Haad an. Wir wurden von türkisfarbenen Wasser und weißen Sandstränden begrüßt. Zunächst machten wir uns auf die Suche nach einem leckeren thailändischen Mittagessen und stärkten uns. Dann machten wir uns auf die Suche nach einem günstigen Taxi, das uns zu dem Strand Sairee bringen sollte. Tuk Tuk gab es auf dieser kleinen Insel nicht. Es fuhren lediglich Trucks herum, die auf ihrer Ladefläche Touristen aufnahmen. Wir waren etwas erstaunt von den relativ teuren Preisen und suchten vergeblich nach einer günstigeren Alternative. Es waren zwar nur 2 Euro, aber für die Verhältnisse hier war dies schon etwas teurer. Schließlich kletterten wir dann auf die Ladefläche und unser Fahrer fuhr im rasanten Tempo durch die schmale Straße über einige Hügel nordwärts Richtung Sairee zu Big Blue Diving. Dies war eine Tauchschule, von der wir bereits viel gehört hatten und die uns von anderen Reisenden empfohlen wurde. Ja, unser Plan war es uns nach einem günstigen Tauchkurs zu erkundigen, da Koh Tao der günstigste Ort auf der ganzen Welt sein sollte. Ich war mir noch nicht wirklich schlüssig, ob ich einen Tauchkurs machen wollte oder doch einen Surfkurs später auf Bali. Uns erwartete dann jedoch eine super Atmosphäre und ein besonderer Charme.

Wir wurden von Donny, einem Tauchlehrer herzlich begrüßt. Der setzte sich mit uns an einen Tisch, brachte uns zwei kalte Orangenlimonaden und informierte uns über die Tauchschule, die Möglichkeiten, Preise und desgleichen. Er war Australier, hatte jedoch eine thailändische Mutter und sah deswegen schon asiatisch aus, sprach aber mit diesem coolen australischen Akzent. Er hatte auch diesen australischen Charme, den ich schon bei allen Australiern zu schätzen gelernt hatte. So beschlossen Nariman und ich dann unseren SSI Openwaterkurs zu machen. Die Unterkunft sollte uns dann auch kaum noch was kosten.

Eine halbe Stunde später saßen wir dann schon im Klassenraum und schauten uns mit neun anderen Tauchanfängern Lehrvideos über das Tauchen an. Es gibt wohl zwei große Tauchfirmen SSI und Padi, wir machten aber den SSI Schein. Wir hatten auch Glück, dass Donny unser Tauchlehrer sein sollte, zusammen mit dem tätowierten Kalifornier John. Wir zogen vor dem Klassenraum artig unsere Schuhe aus und ließen uns dann auf den Holzbänken nieder.

Unser Team bestand aus dem Australier Donny, der wohl der bestaussehenste Asiate, den ich auf der ganzen Welt gesehen hatte. Marlie war Holländerin und hatte grade ihren Bachelor in der Tasche, hatte also auch grade die Chance reisen zu gehen. Der fünfzigjährige Matt war Australier, bzw. kam von der Insel Tasmanien. Dann gab es außerdem noch den deutschen Christian, der grade seinen Bachelor an der Uni Mannheim gemacht hat und einem ziemlich auf die Nerven ging. Sid, der eigentlich Siddhartha hieß war Inder, hatte mit siebenundzwanzig schon eine Halbglatze und einen Bierbauch.. Nariman ist ja schon bekannt, mein schwuler Weggefährte und Zimmerpartner für die letzten zehn Tage. Und schließlich auch der John. Er war wie gesagt Kalifornier und wird später noch ausgiebig erläutert. Trotzdem könnte man an dieser Stelle dennoch auf den ersten Eindruck hinweisen, den John bei mir hinterließ. Er war wohl schon ein normaler Kalifornier, also so einen, den man sich dort einfach auf der Straße vorstellen könnte. Ja, er wohnt wohl in so einem typischen Haus, fährt ein cooles Auto und hört Hip Hop und Rap, er war ja tätowiert und war eben ganz normal.

Nichtsdestotroz fanden wir uns in unserem Klassenraum auf unseren Holzbänken und wurden zunächst über die Unterschiede zwischen den beiden Tauchscheinfirmen aufgeklärt, die Kurse in der Tauchschule Big Blue Diving anbot. SII hat gegenüber Padi beispielsweise den Vorteil, dass man die Übungen und Aufgaben unter Wasser nicht zwingenderweise in der gleichen Reihenfolge durchführt. Wenn man das Vorherige nämlich nicht hinbekommt, kann es sein, dass man irgendwann nicht mehr weitermachen kann und so vielleicht nicht den Schein besteht. Außerdem mussten wir die Tauchbücher nicht kaufen, die wir währen der Zeit zur Verfügung hatten und mit welchen wir abends immer unseren Hausaufgaben machten.

Am Tag unserer Ankunft hatten wir also zwei Stunden Zeit uns Theorievideos über das Tauchen anzuhören und uns an den starken kalifornischen Akzent von Johns Englisch zu gewöhnen. Donny war absolut liebenswert und wenn man ihn ansieht muss man die ganze Zeit lächeln, weil er einfach gute Laune versprüht. Während die beiden uns zum Beispiel erklärten wie der Auftrieb im Wasser funktioniert analysierte ich ausgiebig die Tattoos meiner beiden Lehrer. John war eigentlich überall tätowiert. An den Armen, um den Hals, auf dem Rücken, am Bein. Donny hatte aber auch coole Tattoos. Auf dem einen Arm hatte er eine rotgrüne große Blume und auf dem diagonal anderen Bein hatte er auch irgendwas. So genau weiß ich das nicht mehr, ich war ja primär an der Theorie interessiert.

Auftrieb ist eine der Schwerkraft entgegengesetzte Kraftwirkung in Flüssigkeiten oder Gasen. Man unterscheidet den durch Verdrängung des umgebenden Mediums hervorgerufenen statischen Auftrieb und den durch Umströmung hervorgerufenen dynamischen Auftrieb. Der Wasserdruck nimmt pro zehn Meter Tiefe um ungefähr ein Bar zu. Die Tauchtiefe, und damit der Wasserdruck, ist eines der wichtigsten Kriterien, die der Taucher bei der Planung und Durchführung eines Tauchgangs beachten muss.

Nach dem Gesetz von Boyle-Mariotte ist bei Gasen das Produkt aus Volumen und Druck konstant. Das bedeutet, dass sich die beiden Parameter Druck und Volumen umgekehrt proportional verhalten: Verdoppelt man den Druck einer gegebenen Gasmenge, so  verringert sich ihr Volumen auf die Hälfte. Die in der Tiefe der Druck erhöht ist, das maximale Lungenvolumen aber stets gleich bleibt, braucht der Taucher mehr Luft, um seine Lunge zu füllen. So wird der Sauerstoff auf dem Meeresgrund deutlich schneller verbraucht als in geringeren Tiefen. Nicht nur die Lunge muss sich den verschiedenen Tiefen anpassen. Auch in den Hohlräumen des Kopfes, also zum Beispiel im Mittelohr oder der Stirnhöhle. Wenn man abtaucht muss man darauf achten, dass man nie die Luft anhält, da man sonst einen Lungenriss bekommen kann, weil die ausgedehnte Luft nicht entweichen kann. Beim Abtauchen baut sich spürbarer Druck im Mittelohr auf, den der Taucher durch Zuhalten der Nase, Schließen des Mundes und gleichzeitiges leichtes Pressen der Atmung ausgleichen kann. T aucht man ohne Druckausgleich auf, kann das Trommelfell nämlich platzen.

Naja, das war es allerdings noch nicht an Physik. Je höher der Gasdruck nämlich ist, desto mehr Gasmoleküle werden in eine Flüssigkeit gepresst. Beim Tauchen kommt es dann dazu, dass sich Stickstoff, der in der Luft zum Atmen enthalten ist, im Körper in eine Flüssigkeit verwandelt und sich dann im Blut, im Muskelgewebe, in den Nervenzellen oder desgleichen ablagert. Wenn man wieder auftaucht kann es bis zu vierundzwanzig Stunden dauern, bis der Körper keinen Stickstoff mehr in sich trägt. So lernten wir außerdem, dass der die Menge des Stickstoffs im Körper abhängig von Tauchzeit und Tauchtiefe ist. Man kann also nicht aus der Tiefe direkt an die Wasseroberfläche tauchen, da der Stickstoff erst langsam wieder in Gas umgewandelt werden muss, damit der Körper noch die Chance hat einen Teil des Stickstoffs abzugeben. Stattdessen lernten wir über Dekompressionsstopps und dass man in fünf Meter Tiefe immer einen Stopp von drei Minuten einlegen müssten. John und Donny entließen uns schließlich in unseren Feierabend und baten uns darum doch drei Kapitel als Hausaufgabe zu bearbeiten. Da war er wieder,  der gute alte Studyguide, den ich noch aus Amerika kannte.

Am nächsten Morgen ging es dann gegen acht weiter mit der Theorie und nach dem Mittag konnten wir es gar nicht mehr erwarten, das Tauchen selber auszuprobieren und uns den Meeresboden und die Fische aus den Lehrvideos selbst anzuschauen. Zunächst ging es aber in den Pool, wir sollten uns schließlich ganz in Ruhe an die Ausrüstung, das Atmen, den Druck und alles drum herum zu gewöhnen. Der Pool war rund und nur ungefähr fünfzehn Meter lang. Das Wasser sah türkis und auf den ersten Blick einladend aus. Uns wurde gemäß unseres Körpergewichts gesagt wie viele Gewichte wir an diesen Gurt schnallen sollten, den wir um die Hüften trugen sollten, um dem Auftrieb entgegenzuwirken. In Bikini und Badehose, einen T auchanzug brauchten wir aufgrund der Hitze von 32° nicht, schnallten wir dann auch unsere Tarierwesten auf. Durch Einblasen oder Ablassen von Luft kann man damit in jeder Tiefe seinen Auftrieb regulieren und ausgleichen. Dort hatten wir zuvor auch unsere Druckluftflasche angeschnallt. Mit Taucherflossen an den Füßen ging es dann in den Pool und richtig los. John und Donny begeisterten uns sofort, obwohl es im ersten Moment mit dem Sauerstoff aus der Tauchmaske schon sehr komisch war unter Wasser. Nach vier Stunden an Übungen und Aufgaben sowie einem leichten Sonnenbrand auf der Nase hatten wir nun den ersten von drei Tagen des richtigen Tauchkurses gemeistert. Mir fiel der Druckausgleich in den Ohren am Anfang schon ziemlich schwer. Im Flugzeug versuche ich ja ständig zu gähnen, unter Wasser kann man das ja aber nicht, da man die Maske im Gesicht hat. Mir war auch ziemlich mulmig bei dem Gedanken am nächsten Tag richtig ins Meer zu gehen. Der Pool war ja nur drei Meter oder so tief, das Meer hingegen nur höchstens 18 Meter, also so tief geht man im Anfängerkurs. Würde man nicht Panik bekommen und dann kann man ja nicht einfach auftauchen!

Aber der nächste Morgen kam und eigentlich konnte ich es schon gar nicht mehr abwarten. Mit unserer eigenen Tauchtasche kletterten wir also zunächst alle gemeinsam auf so ein kleines langes Boot, das im knietiefen Wasser am Strand lag. Wir waren insgesamt zwei Tauchgruppen. Dann ging es gemeinsam einige Meter raus aufs Meer, wo ein größeres Schiff auf uns wartete. Beide Boote gehörten zu der Tauchschule und natürlich brannte uns die Mittagssonne ins Gesicht. An Bord gab es dann Proviant für uns Sportler, Kekse und Ananas sowie Kaffee und Tee. Im unteren Bereich waren Bänke und die ganzen Tauchflaschen sowie unsere Ausrüstung. Es gab einen Trockenraum und Bänke im offenen Teil. Auf dem Dach war das Sonnendeck. Von wo aus wir später auch um die drei Meter in das Meer sprangen, natürlich ohne Ausrüstung, sondern einfach nur zum Spaß. Während der ersten Tauchsession war auch der englische Kameramann James mit unter Wasser, der uns die ganze Zeit filmte und uns am Abend seinen zusammengeschnittenen Film in der großen Bar im Hauptgebäude von Big Blue vor einem großen Publikum zeigte. So konnten wir die phänomenalen Unterwassermomente am Abend bestaunen und es gar nicht abwarten wieder ins Wasser zu steigen.

Ich spürte sofort wie süchtig Tauchen machen kann. Man schwimmt im wahrsten Sinne des Wortes in einem Aquarium und sieht die buntesten Fische, nimmt teil an einer völlig fremden Welt auf dieser Welt und dann kommt man sich vor als könnte man fliegen und das alles kontrolliert man mit seinem Atem. Auch die darauf folgenden Tauchgänge milderten diese Begeisterung keinesfalls. Stattdessen merkt man wie man besser wird und wie cool es dort unten einfach ist, es ist definitiv eine Leidenschaft, die ich an mir entdecken durfte.

Während unserer drei Tage zusammen wuchs unsere Gruppe schon ziemlich zusammen. Wir lernten uns alle besser kennen und wuchsen zu einer Familie zusammen. Außerdem erfuhren wir unglaublich viel von John und Donny. Sid war nach dem ersten Tag am Pool jedoch aus unserer Gruppe ausgeschieden, da er am Abend zuvor absolutes Pech hatte und mit seinem Motorroller, den er gemietet hatte, in einen Unfall geriet. Irgendwie ist er mit einem Taxi koliert. Ich hatte mir an dem Abend bereits Sorgen gemacht, da er zu der Zeit, die wir für ein Treffen ausgemacht hatten, nicht erschien. Dann bemerkte ich zwei Anrufe auf meinem Handy, aber da ich hier der Kosten Gründe nicht ranging, wusste ich zunächst nicht von wem diese kamen. Es folgte eine SMS von ihm: „Have landed in a bad bike accident with few stiches. It’ s quite bad. Am in a nursing home getting stiches done. I need to talk to John for help. Please call up. Am not kidding you. Unfortunate event. Am quite screwd up right now. Call up ya!“ Wir machten uns ziemliche Sorgen und glücklicherweise konnte ich das Telefon eines Tauchlehrers benutzen, den ich aber grade bei der Verabschiedung eines Freundes störte. Zunächst konnten wir ihn allerdings nicht erreichen, irgendwann aber schon und er gab uns ein kleines Update über die Situation und würde und in der Unterkunft treffen. Schließlich brachte ein Taxi ihn und kurz darauf merkte er, dass er sein Handy im Trubel jedoch dort drinnen vergessen hatte. Da er kaum laufen konnte, er wurde nämlich am Fuß genäht, liefen Marlies und ich fünf Minuten zur Hauptstraße, um ihm ein Taxi zu organisieren, welches ihn zurück zu dem Taxi fahren sollte, in welchem sein Handy sei. Es war mittlerweile schon fast halb zwölf nachts und der Taxi Truck, den wir mitbrachten verlangte um die zwanzig Euro von Sid. Es war so lächerlich, hier wird es schamlos ausgenutzt, wenn Touristen Hilfe benötigen, alles dreht sich irgendwie dann doch bloß um das gute alte Geld. Ich wies Sid darauf hin, dass er später einfach noch an meiner Tür klopfen könne, sollte er noch irgendwas benötigen. Es war ja schon spät und am nächsten Tag sollten wir bereits um sechs Uhr morgens an der Tauchschule sein. Nach einer halben Stunde, für mich kam es Stunden später vor, ich war nämlich schon eingeschlafen, klopfte es dann. Er konnte sein Handy nicht finden und bat mich um einen Anruf auf seine Nummer. Natürlich half ich ihm, auch wenn es mich ja was kostete, das ist doch selbstverständlich. Leider nahm niemand ab und so hatte er wohl auch doppeltes Pech, hatte er nun also auch noch sein Handy im Wert von einigen hundert Euro verloren.

Die Kosten seines Unfalls waren aber um einiges höher, wie ich am nächsten Tag erfuhr. Um dieses zu verstehen, komme ich an dieser Stelle auf den nichtzuvergessenden Charakter John Huntington zurück. Nach und nach verstand ich, wer er wirklich war. Mit einer eigenen Fernsehschow konnte er sich in Kalifornien und Las V egas einen Namen verschaffen und war in wohl in den Kreisen der Reichen und Schönen verwickelt. Nach und nach sah ich ihn als tätowierten Berühmten und er war unser Tauchlehrer. Wir verbrachten endliche Minuten und stunden miteinander und machten den ganzen T ag Späße miteinander, wir teilten unsere ganze Aufmerksamkeit. Ich freute mich jeden Tag auf unser Team und besonders auf John und Donny, die waren einfach die Besten und persönlicherweise muss ich an dieser Stelle gestehen, dass das Flirten mit den beiden einfach nur zu gut war. Bei den Temperaturen im Bikini und mit den Taucherbäuchen war das Klima schon sehr angenehm. Durch die Unterwasserkommunikation entwickelte man einen bestimmten Draht zu den ja eigentlich völlig fremden Leuten, die man ja eigentlich gar nicht kannte. Wir alle hatten uns hier getroffen um diese tollen Stunden miteinander zu verbringen.

Wie dem auch sei, John, und Donny kontaktierten jemanden, der den Preis für Sids Taxiunfall dann noch um einiges runterhandeln konnte. Wir sahen Sid immer mal wieder in unserer Unterkunft, aber wussten schließlich nicht mehr wirklich wie sich seine Geschichte weiterentwickelte. Eines Morgens fragte mich Donny dann, ob ich ihn irgendwo gesehen hatte, er hat nämlich gehört, dass er wohl einfach abgehauen ist ohne seine offenen Rechnungen in der Höhe von knapp 300 Euro zu bezahlen. Ich war schon ziemlich schockiert. Normalerweise lässt man seinen Reisepass nämlich beim Check-In an der Rezeption als Pfand. So stellt die Unterkunft dann sicher, dass man sich nicht einfach aus dem Staub macht. Sid hatte seinen Pass jedoch bereits bei dem Motorradverleih als Pfand hinterlassen und den dann irgendwie wiederbekommen. Bei Big Blue Diving hatte er lediglich seine Kreditkarte als Pfand hinterlassen, die er dann wohl vorher gekündigt haben muss, der schlaue Kerl.

Tja, Donny war trotz seiner sympathischen Art doch sehr genervt und wollte am Nachmittag zum Fähranleger, um Sid dort abzupassen, da er die Vormittagsfähre laut Augenzeugen noch nicht genommen haben konnte. Im Endeffekt konnte er ihn dort auch noch finden. Er hatte sich allerdings einen großen Hut und Sonnenbrille aufgesetzt, hatte wohl also bemerkt, dass Donny ihn dort suchte. Soviel zum Thema Sid.

So verflog also der Anfängerkurs wie mit einem Atemzug. Ich wollte einfach nicht, dass es endete. Mir war von Vornherein klar, dass ich nur den Anfängerkurs machen würde, rissen die Kosten des Kurses doch ein nicht unerhebliches Loch in mein Reisebudget. Nach und nach entschieden sich jedoch fast alle für den Fortgeschrittenen Kurs, in welchem man in dreißig Meter, zu einem Schiffswrack sowie bei Nacht tauchen würde. Tja, und die Leidenschaft in mir entschied sich schließlich dafür, dass es den Wert des Geldes angemessen sei und so sind wir bereits an Tag vier meiner Taucherkarriere angelangt. Die Witze mit John hatten sich neben meinen Tauchfähigkeiten auch etwas verändert. Der berühmte John schickte mir bei Facebook eine Freundschaftsanfrage und auch die Witze in den Emails formten so unseren Reisealltag, der sich so gar nicht wie Alltag anfühlte.

Von Donny erfuhr ich dann auch ein bisschen über das eigentliche Leben auf der Insel. Kurz gesagt wird die Insel von glaub ich drei Banden kontrolliert, die Polizei gibt es hier nicht. Jede Bande bestimmt also bei sich die Regeln selber. Natürlich spielt auch hier wieder Geld eine Rolle. Sid musste ja ungefähr zwanzig Euro für eine Strecke von knapp zwei Kilometern bezahlen. Die Frage ist allerdings eher warum es überhaupt zu dem Unfall kam. Ob er nun absichtlich von der Gegenpartei in einen Unfall verwickelt wurde oder nicht bleibt egal. Fakt war, dass er utopisch viel für die Reparatur bezahlen sollte. Er kam ja auch Indien und wusste natürlich, dass der Hase hier wohl ähnlich läuft und deswegen wollte er ja auch mit John sprechen, der war ja quasi sesshaft und kennt sich bestimmt aus. Ich erfuhr, dass es wohl so eine Art Häuptlich in einer Bande gibt, die untereinander vermitteln. Wenn man hier Geld machen will, dann geht immer auch Geld in die Bande, bin mir nicht ganz sicher, wie man diese Art Geld bezeichnet, Schmiergeld vielleicht. So musste Sid am Ende nur noch 20.000 Baht bezahlen, zum Ausrechnen in Euro müsste man das Ganze noch durch vierzig dividieren. Erwähnte ich auch, dass Sid außerdem auch keine Auslandsversicherung hatte?

Ich denke das beschriebene trifft die Situation hier auf Koh Tao doch ein bisschen. DemLeser sollte die Worte Paradies, türkises Wasser, Palmen, über dreißig Grad, Sonnenschein, Bier und Strandbars, unglaublich gutaussehende Menschen und diesen ganz besonderen Charme dennoch nicht vergessen.

Dann war es also auch schon wieder soweit, die Reise sollte wieder weitergehen. Ich war schon etwas melancholisch gestimmt, als ich mich morgens auf den Weg zu Big Blue 1 machte, um mir von Donny den USB Stick mit den Bildern von unseren Tauchgängen abzuholen. Im Büro traf ich ihn allerdings noch nicht an. Jules, eine Tauchlehrerin, die Matt für seinen weiteren Tauchkurs zugeteilt bekam, half mir sehr freundlich bei der Wegbeschreibung wo ich mein Ticket für die Weiterfahrt nach Krabi kaufen konnte. So lief ich am frühen Morgen gegen acht die kleinen Straßen entlang und auf einen kleinen Berg. Bei Orange Tickets sollte man wohl die besten Preise bekommen. Doch leider traf ich dort nur einen Hund vor der Tür an, der mir nicht wirklich weiterhelfen konnte. Ich verweilte ungefähr zwanzig Minuten, schaute den unzähligen Rollerfahrern hinterher, die natürlich alle keine Helme trugen und bewunderte mal wieder, was für ein Leben die ganzen Tauchlehrer in ihren späten Zwanzigern hier so lebten.

Schließlich machte ich mich dann doch auf in Richtung des Reisebüros im Zentrum, auch das hatte mir Jules beschrieben. Für um die 750 Baht sollte es dann in einer Stunde mit der Fähre über Koh Phangan und Koh Samui runter nach Krabi gehen. Als ich mich Big Blue 1 näherte entdeckte ich auch schon gleich den lieben Donny mit seiner gelbgespiegelten Sonnenbrille. Zunächst begriff ich gar nicht was los war. Dann bemerkte ich allerdings die zwei anderen Tauchlehrer und die Thais, die oben aus einem Fenster runter auf die kleine Parkecke schauten. Dort war ein Roller in eine dicke Glastür gecrasht und es lagen überall große Scherben herum, auch die großen Bluttropfen brannten sich in meine Augen ein. Donny war auch grade erst eingetroffen und die Thais klärten uns auf, es sei eine T auchlehrerin gewesen, die beim Starten ihrer Maschine wohl unkontrolliert in die Tür gefahren ist! Ich war schockiert. Ein paar Minuten später, ich hatte die tollen T auchbilder auf meinen Computer gespeichert, kam John nochmal bei mir am Tisch vorbei, gab mir eine Abschiedsumarmung und klärte mich auf, dass es sich bei dem Unfall um Jules handelte, die sich wohl ihr halbes Gesicht aufgeschlitzt hatte. Er hatte es eilig irgendwas für sie zu organisieren. Am Abend erfuhr ich dann, dass sie wohl um die hundert Fäden bekommen hatte. Es war eine wirklich bewegende Sache und Johns Worte bei Facebook fand ich wirklich sehr rührend: „A word about Jules. I just saw a little girl go through one oft he largest facial lacerations I have seen in 10 years as a medic. 3 hour surgery just for stiches. Probably close to 100. This girl never broke. I am amazed so few tears. Her father cried 10 times worse than her. Jules you are an inspiration, your largest concern was when you could get wet again and start teaching. You kept your head the entire time, stayed calm and got business handled. The worst is over now it is time to heal little girl. Your Big Blue family is with you all the way through. I pray one day I grow up tob e as strong as you. All of my love, John“.