Mui Ne Off-Season

Wie zu erwarten sollte die Reise weitergehen. Es näherte sich das Ende meines zweiten Reisemonats und es war gefühlt schon so viel passiert. Schon etwas merkwürdig wie sich das Zeitgefühl ändern kann. Mir kam es schon wie eine Ewigkeit vor, dass ich nun Nudelsuppen und ähnliches zum Frühstück essen musste. Ich glaub der Grund ist letztendlich einfach, dass es an einem Tag so viele Momente gibt, die man beobachtet, erlebt, fotografiert und schließlich noch irgendwie verarbeiten muss. Ich bin mir nicht ganz sicher ob der Verarbeitungsprozess bewusst wahrgenommen werden kann. Wenn ich zum Beispiel gefragt werde welches Land denn bisher das Beeindruckteste oder Schönste war, so ist es wirklich schwer eine fundierte Antwort zu geben. Ein Grund ist wohl, dass man die Länder in einem Rutsch erlebt und nicht zwischendurch zurück in seine gewohnte Umgebung kommt, um die Eindrücke wirklich zu verarbeiten. Dennoch glaube ich, dass mir Vietnam bisher am besten gefallen hat. Dieses wunderschöne Land hat einfach so eine tolle, lebhafte, einzigartige Kultur und ist von den Touristen noch nicht wirklich eingenommen worden. Sicherlich gibt es schon viele Touristen und viele Vietnamesen verdienen durch diese ihr Geld, aber irgendwie fühlt es sich noch nicht so touristisch wie Thailand an. Laos wirkte auf mich etwas arm und unbelebt. Sicherlich hat es auch seinen Charme, aber mehr Leben ist in Vietnam zu finden. Wie dem auch sei, die Überschrift lässt vermuten, dass es mich nach der Strandstadt Nha Trang nach Mui Ne verschlagen hat.

Mir ist bewusst, dass die Informationen zu den Busfahrten oder anderen Reisemöglichkeiten zwischen zwei Orten wahrscheinlich weniger interessant sein mögen. Dem Leser sollte dennoch bewusst sein, dass man als Rucksackreisender einen nicht unerheblichen Teil seiner Reise in gerade diesen verbringt. Man gewöhnt sich an die engen Sitze und eine sechsstündige Busfahrt entspricht wohl einer einstündigen Autofahrt in Deutschland. Die Relation verändert sich. Kurz gefasst waren es also auch von Nha Trang nach Mui Ne sechs Stunden im Bus. Etwas komisch war es allerdings, dass wir, obwohl wir um 8 Uhr morgens losfuhren, in einen Schlafbus verfrachtet wurden. Dennoch war dies sehr angenehm, da man so im Liegen die Landschaft an sich vorbeirasen sehen konnte.

In Mui Ne hatte ich dann zweifaches Glück. Erstens hielt der Bus schließlich direkt vor dem Mui Ne Backpackers, der Unterkunft für Rucksackreisende. Zweitens hatten sie noch einen einzigen Schlafplatz frei. Nach einer Stärkung mit Hamburger und Pommes (Vietnamesische Art) ging es schließlich auf die Veranda des Hostels. Es war so unglaublich schön! Es gab Palmen und Liegen und Sonnenschirme. Das Beste war jedoch, dass die Wellen direkt an der Mauer von der Veranda brachen. Direkt nebenan befand sich eine Surfschule und es war sehr interessant den Surfern zuzuschauen. Die meisten waren wohl schon Profis. Etwas weiter entlang des Strandes konnte man bestimmt um die hundert Kite-Surfer beobachten. Einige düsten auch direkt vor meiner Nase entlang. Wahnsinn wie die das alles konnten! Am Nachmittag ging es dann mit dem Engländer James aus meinem Zimmer noch zu einer Strandbar und wir tranken unseren vietnamesischen Kaffee. Er berichtete von seinen Kite-Surf-Erlebnissen. Am Abend verschlug es unser sechs Bett Zimmer dann zu dem lokalem Essensmarkt. Dort gab es zahlreiche Stände mit Meeresfrüchten, Hummern und sonstigen komischen Tieren aus dem Meer. Wie schon zur Gewohnheit geworden, saßen wir mal wieder auf den tollsten Plastikstühlen im Licht einer Glühbirne. Die Mücken waren natürlich wieder kaum zu sehen, dennoch aber zu spüren. Der feminine Holländer dessen Name ich schon vergessen habe, berichtete von dem Gesundheitstipp sich die gefährdeten Körperpartien mit Zitronensaft einzureiben, da dies angeblich die Mücken fernhalten würde. Das Essen, das wir bestellten entsprach natürlich mal wieder nicht unseren Vorstellungen, die wir zu den Beschreibungen im Menü entwickelten. Der Holländer regte sich deswegen etwas auf. Ich denke mir eher, dass dies einfach zum Reisen und zu der Kultur dazugehört. Man ist nun einmal in einem anderen Land und hat sich somit den Gegebenheiten anzupassen. Ich muss gestehen, dass mir dies zu Anfang auch etwas schwer gefallen ist und von Zeit zu Zeit bestelle ich mir schon den sicheren Hamburger mit Pommes, da mit ungefähr weiß was man bekommt. Dennoch entscheide ich mich nun jedoch häufiger für das vietnamesische Essen. Wann bekommt man diese Gelegenheit denn bitte später? Die Meeresfrüchte in meinen Nudeln waren allerdings leicht herausfordernd, sahen sie doch wirklich ungewöhnlich aus. Sicherlich würde ich mich immer noch nicht in die Kategorie der Allesesser stecken. Skorpione, Hummer, Maden und sonstige Viecher halte ich außer Reichweite.

Mui Ne war kein großer Ort. Es gab lediglich eine Straße parallel zur Küste entlang an welcher sich eine Vielzahl an Unterkünften, Straßencafés, Bars und Surfschulen angesiedelt hatten. Im Mai fängt die Nebensaison an wie mir ein Franzose erklärte, der als Dolmetscher für einige Läden arbeitete. Der Wind sei zu dieser Zeit nicht der Beste und deswegen kommen weniger Surfer und die Bars bleiben meistens leer. Für meinen Geschmack übertraf Mui Ne aber die Erwartungen. Es war so unglaublich entspannt und nett.

Schließlich fühlte ich mich gezwungen die Umgebung doch noch etwas zu erkunden. Das Hostel bot eine günstige T our zu den berühmten Sanddünen an und so ging es in einem Geländewagen und einem jungen vietnamesischen Fahrer los. Unser Erkundungsteam bestand aus dem Schotten Robbie, dem Iren Robert, dem Texaner Austin und dem Pärchen Fran und Martyn, die von einer Insel zwischen England und Frankreich kamen.

Zunächst wurden wir an einem Zaun rausgelassen, der nicht sehr vielversprechend aussah. Unser Fahrer wies uns darauf hin, dass wir den kleinen Trampelpfad folgen sollten und in vierzig Minuten wieder am Auto sein sollten. Er erklärte uns ebenfalls, dass wir an den Kindern einfach vorbeilaufen sollten. Schnell wussten wir von welchen Kindern er sprach. Eine Vietnamesin, die in unserem Hostel arbeitete hatte uns vorher ebenfalls empfohlen ohne unsere Kameras dorthin zu kommen, da die Kinder es auf die Wertsachen der Touristen abgesehen hatten. Am Ende des Trampelpfades warteten also um die 10 kleine Jungs auf uns, die als Tourguide arbeiten wollten. Sie warteten dem Anschein nach an einem Flussbett. Ich umklammerte meine Tasche und folgte den Jungs runter zu dem Fluss. Es stellte sich jedoch heraus, dass es gar kein wirklicher Fluss war, sondern vielmehr ein Fluss, der nur aus einem sandigen Flussbett bestand. Es floss zwar Wasser, dennoch war dies nur ungefähr 2-5 cm tief. Es sah auch nicht danach aus, dass dies Konsequenz einer Trockenperiode oder desgleichen war, denn entlang dieses drei Meter breiten Flusses wuchsen tropische Pflanzen und Bäume. Neugierig wateten wir in der Mittagshitze den Fluss aufwärts. An einigen Stellen gab es Zuflüsse aus einigen Hügeln. Es handelte sich also um Quellen aus dem Inneren dieser. Dort war das Wasser auch kälter als im Hauptfluss. Es war schon etwas ungewöhnlich und mir war gar nicht bewusst, dass dieser Ort Plan der Exkursion sein sollte, aber toll! Positive Überraschungen nehme ich gerne entgegen.

Bei den Sanddünen war es dann noch heißer. Mit einer doppelten Schicht an Sonnencreme kletterten wir auf die Spitzen der weißen Dünen. Der Himmel war strahlend blau und im Hintergrund konnte man Wolken erkennen, die sich auftürmten. Wir versuchten alle diese wunderbare Kulisse mit unseren Kameras festzuhalten. Nach und nach mussten wir dann aber erkennen, dass es wohl besser ist die Kameras wegzupacken, da die vielen kleinen herumfliegenden Sandkörner sonst Schaden anrichten könnten. Unsere Tuppe war sehr nett und unterhaltsam. Ich muss jedoch gestehen, dass der irische Akzent doch etwas schwierig zu verstehen ist.

Schließlich entschied ich mich dafür noch eine dritte Nacht in Mui Ne zu bleiben. Ein Grund dafür war, dass Jonny und James, die beiden aus Hoi An, nun auch in Mui Ne waren, wie zu erwarten auch in der gleichen Unterkunft. Ich hatte mich schon so langsam an die Überraschungen gewöhnt, dass man einige der neuen Reisefreunde an den unterschiedlichsten Orten widertraf. Die beiden Js waren einfach zu cool und ich freute mich sie wiederzusehen.

Wir bestellten in einer günstigen Strandbar (auf Plastikstühlen) unser Abendessen und ein kühles Saigon Bier und witzelten herum. Unsere Unterhaltungen waren einfach etwas anders als gewöhnlich. Jonnys Art war einfach so grundlegend witzig, es ist wirklich schwer zu beschreiben. Sein Gesichtsausdruck trug sicherlich dazu bei. Falls ich es an anderen Stelle noch nicht beschrieben hab, so kann man sich diesen wie einen Harry Potter vorstellen. Er sprach im britischen Akzent. James hingegen war Australier und eher etwas cooler. Der australische Akzent ist interessanter als ich erwartete. Nach knapp zwei Monaten des Englischsprechens hatte ich mich also schon wieder dran gewöhnt in dieser Sprache zu sprechen und so weiter, aber die Unterhaltungen mit Jonny und James waren besonders toll. Jonny war fasziniert von dem deutschen Wort Wassermelone und versuchte immer irgendwelche komischen deutschen Wörter in die Unterhaltung einzubringen (u.a. Schildkröte), obwohl er mir versicherte nie deutsch gelernt zu haben? James hingegen hatte keinen blassen Schimmer von deutschen Wörtern, Australien war ja quasi auch einfach zu weit weg. Es war echt interessant, was er so von seinem Land erzählte. Nach und nach verstand ich glaub ich, warum es so viele Deutsche nach Australien verschlug. Ich entwickelte ebenfalls dieses V erlangen dort eines Tages einmal hinzureisen.

Nach dem Abendessen machten wir es uns auf der Veranda unseres Hostels gemütlich und tranken einige weitere kühle Biere. Die Kulisse war atemberaubend! Wir konnten von unseren Liegen aus, die an der Kante zum Wasser standen, wo die Wellen brachen, einen absolut sternenklaren Himmel betrachten. Wir waren wieder einmal verblüfft, wie es möglich sein konnte, dass man auf diesen Teil der Erde andere Sternenbilder erkennen konnte, als in Europa. Ich tu mich immer noch etwas schwer mit dieser Vorstellung. James erklärte uns mit Hilfe einer App die Namen der unterschiedlichen Sternenkonstellationen, den großen Wagen gab es hier also nicht. Am Horizont des Meeres konnten wir immer wieder Blitze erkennen, einige waren grün und andere einfach nur gelb, wie im Film. Wir Abenteurer entschlossen uns im Meer baden zu gehen, da die Brandung nun nur noch sehr gering war. Wir ließen uns von den Wellen schaukeln. Der Abend verging und wurde tiefere Nacht. Unsere Unterhaltungen blieben unterhaltsam und so wurde es bald vier Uhr in der Früh. Das Merkwürdigste war, dass man den Unterschied am Sternenhimmel zu erkennen war, also dass sich die Erde drehte.