Terminus HCMC

Die Busfahrt von Mui Ne nach Ho Chi Minh City (HCMC) oder auch noch als Saigon bekannt, war ganz okay. Da James und ich uns in Mui Ne am Abend zuvor etwas verquatscht hatten, kam ich nicht auf meine guten sieben Stunden an Schönheitsschlaf. Während der Busfahrt konnte dies allerdings nachgeholt werden.

Einer der vielen tollen Seiten des Reisens ist, dass man an den unterschiedlichen Orten wirklich einen kleinen Reisefreundeskreis aufbaut. So kam es dann auch, dass wir zu sechst im hinteren Teil des Busses unsere eigenen kleinen Unterhaltungen führten und die Zeit wie im Flug verstrich. Bereits zu Anfang des Reisens entwickelten ein Freund und ich die Idee unsere Reisefreunde nach deren Lieblingsmusik bzw. Künstler zu fragen. Ich zu diesem Zeitpunkt bereits eine etwas längere Liste und einen Großteil der Busfahrt wurde also auch damit verbracht, über coole Musik zu diskutieren.

Ich wusste nicht genau, ob ich mich auf Saigon freuen sollte oder nicht. Die letzten Orte am Meer waren herrlich und nun sollte es in die größte Stadt des Landes gehen. Der Busfahrer hielt im Touristenzentrum nahe der Pham Ngu Lao Straße und eine kleine, hilfslose Dänin und ich machten uns erst einmal auf Nahrungssuche. Es fing in Strömen an zu regnen. Schließlich kam Jonathan, der Kalifornier, den ich aus Hoi An kannte zu uns ins Lokal. Wir hatten uns verabredet, weil wir uns zusammen ein Zimmer teilen wollten. Ein Zimmer mit zwei Betten ist nämlich schon etwas besser, als eins mit sechs. Er war bereits schon zwei Tage in der Stadt und wusste also schon seinen Weg. Herrlich, wenn man einfach unbeschwert ohne Karte in der Hand und etwas Aufregung wo man denn schlafen sollte, hinter jemanden herlaufen kann, der schon weiß wo es hingeht. Dies ist glaub ich einer der größten Unterschiede zwischen einem Alleinreisenden zu welchen, die nicht alleine unterwegs sind. Das Tolle ist allerdings, dass man jedoch immer mehr lernt mit dieser Aufregung umzugehen. Dennoch ist es doch noch da, dieses Gefühl: „Oh, mein Gott! Ich bin in einer fremden Stadt und wo werde ich schlafen? Wie läuft der Hase hier, werde ich gleich überfallen? Ist es weit zu der günstigen Unterkunft oder muss ich noch mehr Abenteuer eingehen und in ein Taxi oder auf einen Roller steigen, weil der Ort zu weit entfernt ist?“.

Wie dem auch sei, am späten Nachmittag quartierten Jonathan und ich uns in unser riesiges Zimmer ein und beschlossen noch eines Nickerchen einzulegen bevor wir am Abend Liz, unsere gemeinsame Reisefreundin, auf ein Bier treffen wollten. Als ich schließlich aufwachte waren drei Stunden vergangen und ich fand eine Notiz von Jonathan vor, der bereits vorgegangen war und mich nicht wecken wollte. Das Problem war bloß, dass die beiden leider nicht mehr am vereinbarten Treffpunkt waren, sondern zu so einem Dodgeball Event. Es war wieder einer dieser Momente, in dem man realisiert was für eine tolle Erfindung die Handys doch eigentlich sind. Ich hatte nämlich keine lokale SIM Karte und konnte wie die meisten Reisende also nicht mal eben anrufen, wo die anderen so waren. Tja, also wurden die Abendpläne einfach kurz umgeändert und ich gab mich mit einer Nudelsuppe auf Plastikstühlen und dem Lesen geschlagen, auch nicht schlecht.

Am nächsten Morgen schlich ich mich früh aus dem Zimmer und versuchte Jonathan dabei nicht zu wecken. Es ist wirklich schwierig keine Geräusche zu machen und ich finde, dass man generell Oropax tragen sollte, sodass man nicht immer so gezwungen ist keinen Lärm zu machen. Ich suchte mir ein nahegelegenes Straßencafé, setzte mich zu einem älteren Amerikaner, der früher bei der Airforce war, bestellte meine Früchte und einen vietnamesischen Kaffee zum Frühstück und machte mich ans Schreiben. Nachdem mich der Café Besitzer darauf hinwies, dass es nicht sonderlich sicher sei mit dem kleinem Laptop so nahe an der Straße zu sitzen, weil einige Motorradfahrer es einfach greifen könnten, wurde mir schnell wieder bewusst, dass ich ja in Asien war und alles einfach ein bisschen anders. Er verwies mich auf die Dachterrasse im oberen Geschoss. Es war richtig schön dort oben. Man konnte das Treiben und die kleinen Details auf der kleinen Straße beobachten und keiner bekam dies mit.

Nachmittags verstaute ich dann schnell einige Wertsachen im Zimmer und zog mit meiner Umhängetasche und einem DIN A4 Zettel, den mir die Hoteldame als Karte gab, los um mich ein bisschen von der Stadt treiben zu lassen. Mir war wirklich ein bisschen unwohl, da ich ja wusste, dass hier wirklich viel geklaut wird. Ich muss mir nochmal eine bessere Strategie überlegen, wie ich es den Dieben am Schwersten machen kann. Es ging aber alles gut und so kehrte ich mit den Eindrücken dieser großen, modernen aber idyllischen, bunten Stadt zurück zu Jonathan. Wir aßen zu Abend, tranken Wein und quatschen für einige Stunden.

Seine Persönlichkeit verdient an dieser Stelle einen kleinen Einblick. Ich erwähnte ja bereits, dass er in Kalifornien wohnte. Ursprünglich wuchs er allerdings irgendwo an der Ostküste in Amerika auf. Er studierte irgendwas mit Computer Science und bekam schließlich irgendwann seinen Traumjob als Entwickler bei Apple im Silicon Valley. Ich weiß ja nicht, ob es nur meine Bewunderung war, aber dort zu arbeiten ist in meiner Vorstellung schon das Beste vom Besten! Er erzählte von seinem typischen Arbeitstag, dass er mit dem Fahrrad zehn Minuten zu Apple fahren würde. Die Gebäude sind alle in einem Kreis angeordnet und man würde um diesen herum parken. Drinnen gäbe es Holzfußböden. Er beschrieb es noch etwas genauer, aber ich kann mich nicht mehr so genau an die kleinen Details erinnern. Nun ja, und rund um seinem Arbeitsplatz, dem besten Apple Computer, waren iPads und iPhones angeschlossen. Konkret war er auf die Tastaturen spezialisiert. Ich war wirklich fasziniert, wie er versuchte mir die ganze Technik zu erklären. Ich meine, so unglaublich viele Menschen benutzen dieses Produkt und er nahm einen Einfluss auf das Produkt. Ich konnte mich glücklich schätzen, dass er mein Bewerbungsschreiben für einen Masterstudienplatz überarbeitete. Man merkt an seinen Argumentationen, Denkweisen und Formulierungen, dass er es wirklich drauf hat und Apple ihn nicht ohne Grund als Mitarbeiter hatte.

Ja die Betonung liegt auf hatte, der Jonathan hatte bereits im letzten Jahr beschlossen, dass sieben Jahre dort zu arbeiten genug seien. Das Problem sei nämlich, dass man für die Firma leben müsse, was natürlich nachzuvollziehen ist. Die Arbeitszeiten waren länger als normal und es wurde häufig auch am Wochenende gearbeitet. Ihn störte zusätzlich, dass man teilweise einfach zu viel Zeit mit seinen Computern verbringt und es an Interaktionen mit Menschen mangelte. Und schließlich spielte das Geben-Nehmen- Verhältnis auch noch eine Rolle. Ich denke, dass man absolut hinter der Idee seines Jobs stehen muss, um sich diesen ganz zu widmen und zusammen mit dem Unternehmen auf ein Ziel zuzusteuern. Natürlich muss man dabei auch Opfer bringen. Werden diese mit Gegenleistungen kompensiert, die für einen diese Aufopferung kompensieren, dann macht man es glaub ich richtig. Jonathan war allerdings nicht zu begeistert von der Leistung von Apple. Ihm wurden damals wohl schon Aktien angeboten, doch übertrug sich der Wertzuwachs des Unternehmens nicht auf ihn. Er bekam auch nur einen kleinen Bonus auf den Kauf von Apple Produkten oder diese nur geliehen. Ja, an diesem Abend hatten wir schon einige nette Themen, die wir erörterten. Fasziniert war ich aber auch von seinem kleinen Rucksack, er reiste nur mit 2 T-Shirts und sonstigen Basics, aber er hatte diese faszinierende Lichterkette dabei. Zu Anfang dachte ich, dass es ihm nicht sonderlich gut ergehe, als er diese Weihnachtsbeleuchtung um den Fernseher auf hing, aber dann stellte sich heraus, dass es die coolsten Lichter waren, die ich bis jetzt gesehen hatte. Jede einzelne Lampe wechselte im Abstand unterschiedlicher Sekunden ihre Farbe. Es war kein Muster zu erkennen. Der Computermensch und die Technik, ich werde es wohl nie begreifen.

Wie sich später herausstellen sollte, startete ich jeden Tag mit einem Frühstück in meinem neugewonnenen Straßencafé an der Ecke. Die Früchte mit Müsli, der Kaffee und die Aussicht dort waren einfach zu gut. An meinem zweiten Tag traf ich auch wieder auf den Amerikaner vom Vortag und wir unterhielten uns für eine Weile. Das Bedienungsmädchen erkannte mich schon und war wohl auch nicht sonderlich darüber überrascht, dass ich jeden Tag dasselbe bestellte.

Eigentlich war es mein Plan gewesen am Tag vor Ablauf meines Vietnam Visums nach Kambodscha zu reisen. Das Gefühl der Stadt war jedoch so entspannt und Jonny und James waren auch in der Stadt. Folglich konnte ich mich zuerst nicht entscheiden, ob ich nicht einfach einen Tag länger bleiben sollte, um schließlich mit den beiden zusammen zu fahren. Schließlich entschied ich mich aber dafür. An einem Nachmittag erkundigte ich mich allerdings schon mal nach den Preisen für die Busfahrt von Saigon zur Hauptstadt von Kambodscha. Den Namen erwähne ich noch an anderer Stelle, die Schreibweise hab ich noch nicht im Kopf und mein Rucksack mit dem Reiseführer kann mir die richtige Schreibweise grade nicht zeigen. Als ich auf jeden Fall grade aus dem kleinen Reisebüro herauskam, kam ich mit Sergej, einem Deutschrussen ins Gespräch. Auch er hatte sich nach einigen Reisetipps erkundigt und konnte meinen deutschen Akzent direkt raushören. Mist, aber egal! Wir kamen ins Gespräch und beschlossen spontan einen Kaffee trinken zu gehen. Als wir durch die Straße liefen fiel mir sofort auf, dass es in der ganzen Stadt keinen Strom gab. Ich hatte dies vorher schon einmal in einer anderen Stadt miterlebt, aber es dauerte nur eine halbe Stunde oder so.

In diesem Augenblick war es aber anders. In den kleinen Supermarkt Shops gab es z.B. keinen Strom für die Kühlschränke und auch die Kassen öffneten sich nicht mehr automatisch. Ich frag mich wie sie den Kaffee zubereitet hatten oder die Pho Suppe für Sergej kochten. Es war so viel los auf der Straße und man kann sich nie sattsehen von dem Treiben. Die Motorrad Männer an den Straßenecken, die auf Kundschaft warten und einen andauernd irgendwo hinfahren wollen. Oder die zahlreichen Straßenverkäufer. Einige fragten gar nicht erst, sondern fingen einfach an die Schuhe zu putzen oder irgendeinen komischen Klebestoff auf die Flip Flops zu schmieren. Die Zigarettenverkäufer kamen mit ihren unzähligen fremden Zigarettenmarken und kamen einem immer näher, um zu fragen, ob man denn nicht Marihuana kaufen möchte. Das Alter der ganzen Verkäufer variierte. Manchmal kamen fünfjährige Kleinkinder an und stellten ihre kleinen Boxen mit Armbändern auf den Tisch, um mit einem perfekten englischen „You wanna buy something?“ an Geld zu gelangen. Ja, es ist Wahnsinn wie die hier so aufwachsen. Ein kleines Mädchen versuchte mit einer Art Joker noch mehr. Auch sie war wohl erst um die Fünf und wies uns schließlich auf ihre Zähne hin. Ich dachte erst, dass sie dort Glitzersteine oder Ähnliches auf ihren Zähnen hatte, dann realisierte ich aber, dass es die krassesten Löcher waren, die ich je gesehen hatte und sie lächelte mir schüchtern ins Gesicht.

Mein Kaffeepartner Sergej war Klasse für sich. Er war grade erst frisch in Vietnam angekommen, ich glaube sein zweiter Tag oder so ähnlich. Außerdem meinte er, dass er sich jetzt erst einmal über Insider Reiseinformationen schlau machen müsse, er würde sich nämlich eher nicht an die Informationen aus dem Reiseführer halten. Gute Idee, aber eben auch etwas aufwendiger. Naja, aber als seine Suppe schließlich vor ihm stand redete er immer noch wie ein Wasserfall, brauchte sieben Sätze anstatt von einem zur Beschreibung einer Sache und lies meinem Kopf keine Ruhe mich einfach auf das Treiben auf der Straße zu konzentrieren. Ich weiß nicht, ob es daran lag, dass wir uns auf Deutsch unterhielten, die Hitze in der Straße stand, des fortbestehenden Stromausfalls oder daran lag, dass es Jonathan am Tag zuvor nicht wirklich gut ging, aber so kam es, dass ich ihn darum bat für fünf Minuten kurz mal nicht zu sprechen, sondern einfach die Straße zu beobachten und er hatte kein Problem damit. Es war aber wirklich amüsant zu sehen, dass Sergej erst Neuankömmling war, denn er ließ sich doch schon etwas von den Straßenverkäufern bereden und kaufte schließlich sogar ein Armband von einer Frau.

Auch nach einigen Stunden war der Strom noch nicht wieder zurückgekehrt und wir machten uns auf zu einem Erkundungsspaziergang wie ihn wohl jeder Reisende kennt. Tja, und im nächsten Moment hatten wir also auch Boris, einen Russen wie sich herausstellte mit im Team unserer Erkundungstour. Die Reise dauerte allerdings nicht lange und wir kapitulierten vor der Hitze und dem Trubel und setzten uns wieder ganz entspannt in eine der weiteren Straßencafés. Nachdem uns Boris über irgendetwas Spirituelles, das den Namen Vipassana trug, aufklärte, bemerkte ich plötzlich eine sehr erfrischende Windböe auf meiner Schulter, der Ventilator war wieder angesprungen. Wir hatten wieder Strom! Juhu, also konnte man zum Glück wieder mit der Außenwelt kommunizieren denn es galt Pläne für den Abend zu schmieden.